Aus Bauchschmerzen wird Appetit auf mehr

Fotos: Matthias Piekacz

Mit dem Pilotprojekt „Inklusive Küche 4.0“ nimmt die Hochschule Magdeburg-Stendal die Chancengleichheit in der Ausbildung in Angriff: Gemeinsam mit Kooperationspartnern bringt sie Menschen mit und ohne Behinderung erstmals in einer Klasse zusammen. Für Barrierefreiheit im Unterricht sorgen dabei speziell entwickelte digitale Lernhilfen.

Text: Bianca Kahl

Für die Fischpfanne mit Gemüse ist Erik verantwortlich. Lässig schwenkt er die Pfanne und wirft dabei einen prüfenden Blick in Richtung seiner Teamkolleginnen. Es ist wichtig, dass sie sich an die abgesprochenen Abläufe halten, damit alle Gerichte zur richtigen Uhrzeit fertig werden. Beim Kochworkshop in der großen Küche des Oberstufenzentrums Prignitz eilen vier Teams zwischen Schneidbrettern, Backofen und Pfannen hin und her. Alle gemeinsam arbeiten an einem großen Buffet aus regionalen Gerichten.

Teamwork will gelernt sein

Die Hektik in der Küche kennt Erik schon aus seinem Alltag, denn er lernt im dritten Lehrjahr den Beruf des Kochs. Seinen beiden Mitstreiterinnen fehlt es hingegen noch an Erfahrung: Birgit arbeitet in der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe und Sarah ist auf dem besten Weg zur Fachpraktikerin Küche. Ihre Ausbildung ist auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung abgestimmt. Dass die drei heute als starkes Team zusammenarbeiten können, verdanken sie auch dem Projekt „Inklusive Küche 4.0“ (IKKE).

„Laut Gesetz sollen Menschen mit und ohne Behinderung die Möglichkeit haben, gemeinsam zu arbeiten und zu lernen“, erklärt Victoria Batz. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Magdeburg-Stendal und spielt mit ihrer Aussage auf die UN-Behindertenrechtskonvention an – ein internationales Abkommen mit guten Absichten. Doch die Umsetzung fällt schwer, auch für die Nachwuchskräfte in der professionellen Küche. Wie bringt man alle Bedürfnisse unter einen Hut? Jeder hat eine eigene Geschichte und kann unterschiedlich gut lernen.

Unterricht digital erleichtern

Die Hochschule sieht die große Chance in der Digitalisierung und versucht sich an einem spielerischen Ansatz. Mit Hilfe von spezieller Software für den Unterricht soll jeder sein eigenes Lerntempo festlegen können. Victoria Batz betreut das Projekt gemeinsam mit ihrer Kollegin Inga Lipowski vom Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften. Diese erläutert: „Bisher laufen alle Ausbildungen für die Küche parallel an unterschiedlichen Einrichtungen und gerade die Menschen mit Behinderung werden oft in ihren Fähigkeiten unterschätzt“. Angehende FachpraktikerInnen und KöchInnen lernen getrennt und den MitarbeiterInnen in der Küche der Lebenshilfe fehlt es an einem geeigneten Abschluss oder einer Qualifikation für den ersten Arbeitsmarkt. Das Pilotprojekt IKKE hat sich zum Ziel gesetzt, einen gemeinsamen Abschluss für alle zu schaffen.

Dafür kooperiert die Hochschule im Landkreis Prignitz mit der Lebenshilfe, dem Oberstufenzentrum sowie dem Berufsbildungszentrum. So kommen seit April 2019 so unterschiedliche Menschen wie Erik, Sarah und Birgit erstmals in einer Klasse zum Unterricht zusammen. Für drei große Themenbereiche entwickelt die interdisziplinäre Forschungsgruppe SPiRIT gemeinsam mit dem Stendaler Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften spezielle Lehr- und Lerntools. Digitale Anwendungen, bei denen keiner benachteiligt ist. Zum Beispiel wird ein Avatar durch virtuelle Küchen, Lagerräume und Umkleideräume bewegt. Mit seiner Hilfe finden die jungen Leute Hygienemängel und lernen spielerisch, was in welchen Bereichen beachtet werden muss.

Lernstoff appetitlich angerichtet

„Interessanterweise nehmen sich dann auch Auszubildende zurück, von denen wir erwartet hätten, dass sie mehr leisten können. Andererseits gibt es beeinträchtigte Menschen, die jetzt erst richtig durchstarten“, sagt Inga Lipowski, die auch für die wissenschaftliche Auswertung der Lernerfolge verantwortlich ist. Schon jetzt haben die Kooperationspartner den Eindruck, dass sie auf dem richtigen Weg sind. „Viele Beteiligte hatten anfangs eher Bauchschmerzen, wie der gemeinsame Unterricht ablaufen wird“, resümiert Victoria Batz. „Doch jetzt sehen auch die Lehrkräfte, dass es nicht immer der Frontalunterricht sein muss. Digitale Lernhilfen können auch für sie echte Erleichterungen bringen.“

Das leckere Buffet im Oberstufenzentrum Prignitz ist derweil angerichtet und der Schulleiter zeigt sich zufrieden mit seinen Schützlingen. Der Kochworkshop zum Auftakt des nächsten Unterrichtsmoduls macht Appetit – auch auf mehr Inklusion.

Mehr Infos unter: inklusive-kueche.de

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