Buchstäbliche Barrieren

Wichtige Inhalte verständlich aufbereitet: Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal haben Texte für die Internetpräsenz der Stadt Halle (Saale) in Leichte Sprache übersetzt. Foto: Bianca Kahl

Halle (Saale) zeigt sich fortschrittlich: Informationen der Stadt kann man sich online nicht nur auf Deutsch und Englisch anzeigen lassen, sondern bald auch in der Übersetzung „Leichte Sprache“. Eine Seminargruppe an der Hochschule Magdeburg-Stendal hatte sich die Texte vorgenommen.

Text: Bianca Kahl

Dr. Christiane Zehrer stellt gleich zu Beginn klar: Es geht nicht einfach nur darum, verständlicher zu schreiben. „Leichte Sprache“ schüttelt sich niemand aus dem Ärmel. Vielmehr sei fundiertes Fachwissen gefragt, um Texte in Leichter Sprache zu verfassen.  Zahlreiche Studien haben untersucht, wie deutsche Sätze gestaltet sein müssen, um niemanden auszuschließen. Es geht um Barrierefreiheit in Sachen Verständlichkeit. Nicht zuletzt für die Kommunikation in Krisensituationen sollten das alle Verantwortlichen bedenken, mahnt sie.

„Viele Erwachsene verstehen normale Texte nicht. In Deutschland haben wir allein 6,2 Millionen funktionale Analphabeten. Sie können den Sinn eines Textes nur schwer oder gar nicht verstehen. Hinzu kommen Migranten, Menschen mit geistigen Behinderungen und andere“, erklärt Christiane Zehrer. Sie ist Dozentin für Fachkommunikation an der Hochschule Magdeburg-Stendal und befasst sich schon viele Jahre mit Leichter Sprache. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Prof. Dr. Ingrid Fehlauer suchte sie nach „realistischen Projekten für unsere Studierenden, die nicht für die Schublade sind“, sagt sie. „Denn davon haben beide Seiten etwas – Studierende wie auch Auftraggeber“, ergänzt Fehlauer. „Durch einen glücklichen Zufall entstand der Kontakt zum Teilhabemanager der Stadt Halle.“ Dieser erkannte genau wie die Wissenschaftlerinnen das Gebot der Stunde.

Denn spätestens mit der UN-Behindertenrechtskonvention haben sich die Vereinten Nationen verpflichtet, allen Menschen die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. „Auf Bundesebene wurde sie 2011 im Nationalen Aktionsplan umgesetzt und jetzt tröpfelt der Gedanke der Barrierefreiheit langsam in die Länder und Kommunen durch. Wenn Sie mich fragen, noch viel zu langsam“, findet Zehrer. Deshalb war sie froh, als sie mit ihrer Kollegin die Chance erhielt, eine Kommune bei der Umsetzung zu unterstützen.

Ein Semester lang leiteten die beiden Wissenschaftlerinnen ein entsprechendes Seminar im Studiengang Internationale Fachkommunikation und Übersetzen. Dabei nahmen sich die 16 Studierenden zahlreiche Texte aus dem Fachbereich Soziales der Stadt Halle vor – wichtige Informationen vom Wohngeld über Grundsicherung bis hin zu Hilfen für die Pflege. Themen, die jeden betreffen können und die deshalb auch jeder ohne Schwierigkeiten verstehen muss. Auf fundierter sprachwissenschaftlicher Basis vereinfachten die Studierenden zum Beispiel den Satzbau, achteten auf unkompliziertes Vokabular und wägten ab, welche Informationen gekürzt werden.

„Hier geht es um komplizierte Sachverhalte aus dem Verwaltungsrecht. Das ist sehr anspruchsvoll und erfordert einen intensiven Austausch mit den Verantwortlichen bei der Stadt“, erklärt Ingrid Fehlauer. Die Fachleute müssen immer wieder prüfen, ob die Aussagen noch korrekt sind, und sicherstellen, dass am Ende nicht ausgerechnet die zentralen Fakten fehlen. Die Zusammenarbeit klappte so gut, dass sie weiter ausgebaut werden soll: Ein Teilhabewegweiser und andere Vorhaben sind geplant. Zudem haben sich zwei Studentinnen dazu entschieden, ihre Bachelor-Arbeit der Leichten Sprache zu widmen.

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