Geschlechtervielfalt tolerant begegnen

Referentin Sarah Brune diskutiert mit Schülerinnen des Hegelgymnasiums Begriffe und Fragen rund um die Themen geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung. Foto: Katharina Remiorz

Typisch Mann, typisch Frau – nicht jede Person möchte sich in Kategorien wie diese einordnen lassen. Manche verorten sich irgendwo dazwischen, andere außerhalb dieser Konzepte. Im August hat das Bundeskabinett für ebenjene die sogenannte dritte Option als Eintrag ins Geburtenregister beschlossen. Dass noch viel mehr dazu gehört, diskutierten Schülerinnen und Schüler des Hegelgymnasiums an den Tagen der Begegnung an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Text: Katharina Remiorz

„Welche Begriffe fallen euch zur geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt ein?“ Auf die Frage der Referentinnen folgen schnell Antworten – 44 an der Zahl. Von A wie Agender als neutrale Geschlechtsidentität, D wie die dritte Option, J wie Jobchancen bis hin zu O, T und Z für Orientierung, Toleranz und Zukunft. Schnell wird klar: Der Themenkomplex um Geschlechtervielfalt ist für die zwölf Workshop-Teilnehmerinnen ein alltäglicher.

Kleidung, Sprache, Hobbys und Erfolg im Beruf sind einige Aspekte, die je nach Ausprägung nur einem Geschlecht vorbehalten zu sein scheinen: Jungs sind talentierter in Mathe, Mädchen dafür kreativ, schildern die Schülerinnen ihre Erlebnisse mit Stereotypen. Kurze Haare, Star Wars und Fußball stehen dem männlichen Geschlecht gut. Dafür werden Mädchen durch die rosarote Brille mit fettarmer Wurst, Einhörnern und Make-up gesehen. In der Diskussion darüber, welche Rollenbilder ihnen tagtäglich begegnen, zeigen sich die Elftklässerinnen genervt. „Durch unser Handeln stellen wir in Bezug auf gesellschaftliche Normen und Werte ein Geschlecht her. Menschen, die sich entscheiden, ‚undoing gender‘ zu sein, also davon abzuweichen, sich für eine andere als die bei der Geburt zugeschriebene Identität oder sexuelle Orientierung zu entscheiden, stoßen häufig auf Missverständnis“, erklärt Sarah Brune, Referentin für Geschlechtervielfalt im Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e. V. Die Tür für Diskriminierung öffnet sich, wie ein Teil der Schülerinnen bereits erfahren musste.

Es scheint einfacher, geordneter, Klischees zu zementieren, als gegen den Strom zu schwimmen. Schon während der Schwangerschaft knüpfen Eltern und ihr Umfeld – gewollt oder ungewollt – Erwartungen an das noch ungeborene Kind, schreiben ihm Eigenschaften dem Geschlecht entsprechend zu. Kein seltenes Phänomen, das sich u. a. auch Unternehmen in Form von geschlechtergezieltem Marketing zunutze machen: Rosa für Mädchen, Blau für Jungen, das Feuerwehrauto für den Bub, die Puppenstube für das Mädel. Dabei gibt es viel mehr als nur weiblich und männlich – zum Beispiel Interessen und Talente, die es zu fördern gilt.

In der Diskussion wird klar: Auch die Sprache prägt die Offenheit gegenüber anderen Identitäten und sexuellen Orientierungen. „Als es Begriffe wie Transidentität oder Pansexualität noch nicht gab, haben die betroffenen Menschen zwar gemerkt, dass etwas anders ist, sie konnten sich aber nicht einordnen“, weiß Sarah Brune um die Gefahr, auch vor folgender Depression und Angst vor Ausgrenzung. Zum Glück zeigt sich die Welt heute schon wesentlich toleranter als noch vor 100 Jahren – auch durch Personen öffentlichen Lebens, die vor allem gegenüber jungen Menschen eine Vorbildfunktion übernehmen. Ein positives Zeichen finden die Schülerinnen unisono. Dennoch ist es notwendig, auch weiterhin für Vielfalt zu sensibilisieren – in Kita, Schule, Familie, Freundeskreis, Politik und Gesellschaft.

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