Wie Kinder Krieg wahrnehmen

Der Erste Weltkrieg aus Sicht von Kindern: Eine Nonne reicht einem auf einer Wiese liegenden Soldaten zu trinken. Das Bild zeichnete 1915 ein 14 Jahre altes Kind und gehört zu einer der umfangreichsten Sammlungen dieser Art in Deutschland. Foto: Museum Elbinsel Wilhelmsburg e. V.
Vergleichend beschäftigten sich die Studierenden im Workshop auch mit einer Zeichnung, die 1915 von einem 13 Jahre alten Kind in Hamburg gemalt wurde. Foto: Museum Elbinsel Wilhelmsburg e. V.
100 Jahre später entstanden auch in Berlin unter Leitung des Künstlers Dieter Mammel Zeichnungen von Kriegsszenen. Gemalt wurden sie von geflüchteten Kindern aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Über 300 Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg lagern im Museum Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg. Wie die damals Zehn- bis 13-Jährigen den Krieg thematisierten und welche Schlussfolgerungen sich daraus auf Kinder in gesellschaftlichen Umbrüchen ziehen lassen, diskutierten Studierende des Bachelor-Studiengangs Angewandte Kindheitswissenschaften während einer Exkursion in die Hansestadt.

Text: Prof. Dr. Claudia Dreke und Katharina Remiorz

„Zeichnen ist für Kinder eine bedeutsame visuelle Ausdrucksform“, weiß Prof. Dr. Claudia Dreke, die am Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften Sozialpädagogik und soziologische Grundlagen lehrt. Sie zu verstehen, ist in den Kindheitswissenschaften eine zentrale Kompetenz, um die Position von Kindern und deren Sichtweisen in der Gesellschaft zu erkennen. Geraten gesellschaftliche Verhältnisse ins Wanken, kann sich dies auch in den Bildern der Kinder widerspiegeln.

Erst vor einigen Jahren wurde eine Sammlung mit über 300 Kinderzeichnungen wiederentdeckt. Die Bilder, die im Hamburger Museum Elbinsel Wilhelmsburg ausgestellt werden, zeigen den Ersten Weltkrieg in Kinderaugen – meist kriegerische Szenen auf dem Land, in der Luft, auf der See und aus dem Lazarett. Sie entstanden kurz nach Kriegsbeginn im Kunstunterricht einer Wilhelmsburger Schule. Die Kinder, die sie zeichneten, stammen wahrscheinlich aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien.

Im Rahmen ihres Projektstudiums zum Thema „Kinder und Kindheit in politischen Umbrüchen“ hatten die Studierenden der Angewandten Kindheitswissenschaften in Begleitung von Prof. Dr. Claudia Dreke und der Lehrbeauftragten Dr. Heike Stecklum die Gelegenheit, die Sammlung genau in Augenschein zu nehmen und ein Verständnis für die Kindheit der damaligen Zeit zu entwickeln. „Es ist wirklich erstaunlich, was sich in den Zeichnungen alles entdecken lässt, wenn man genau hinschaut“, erzählt Kim Krogmann, Studentin im dritten Semester. Zusammen mit vier Kommilitoninnen hatte sie ein Bild ausgewählt, das aus ihrer Sicht die Sorge um Verwundete zeigt. Gegenstände wie zum Beispiel eine Feldflasche, die eine einem liegenden Soldaten reicht, seien erst auf den zweiten Blick erkennbar gewesen.

Auffallend sei die begeisterte Darstellung des Krieges und deutscher Soldaten, obwohl die Kinder den Krieg selbst nicht unmittelbar erfahren haben. „Um Schlussfolgerungen ziehen zu können, berücksichtigen wir, ob die Kinder Zeugen kriegerischer Handlungen waren oder diese vor allem aus den Medien kennen“, erklärt Prof. Dr. Claudia Dreke. So habe es eine Flut von propagandistischen Medienberichten, Fotos der Frontsoldaten und auch Vorlagen- und Bilderbücher zum Krieg für Kinder gegeben, ergänzt Dr. Jürgen Drygas, Vorsitzender des Museumsvereins. Einige Bilder setzen dagegen Kontraste. Eher ließen sie den Schrecken des Krieges erahnen, wie das von den Studentinnen ausgewählte Bild, sowie Mitleid mit in Frankreich bombardierten Menschen. Diese geben Hinweise auf eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Thema. Neben den Kinderzeichnungen waren zudem Ergebnisse eines „Letter ART“-Projektes von Kunst-Studierenden der Universität Paderborn zu sehen, zu dem unter anderem ein Museumskoffer mit Erinnerungsgegenständen und Tagebücher von Kindern gehörten.

Bemerkenswert sind die Hamburger Kinderzeichnungen im Vergleich mit jenen von Kindern aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die 2015 unter Leitung des Künstlers Dieter Mammel in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft entstanden. In ihnen thematisieren acht- bis 14-jährige Kinder in beeindruckender Weise auch eigene Erfahrungen vom Krieg. Zu sehen waren sie kürzlich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Denken ohne Geländer“ auf dem Stendaler Campus, wo sie mit den Bildforscherinnen Prof. Dr. Claudia Dreke und Dr. Heike Kanter diskutiert wurden. Die Zeichnungen waren darüber hinaus u. a. im Oktober letzten Jahres auf der kindheitssoziologischen Tagung „Kinder und Kindheit in gesellschaftlichen Umbrüchen“ in Stendal Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.

Aus Sicht von Prof. Dr. Claudia Dreke ermöglichen solche Bilder mehr Erkenntnisse auf Perspektiven von Kindern in Umbruchszeiten: „Gerade aus Vergleichen von Zeichnungen aus verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Orten könnten sich entsprechende Schlussfolgerungen ziehen lassen. Dokumente aus Kriegen oder Revolutionen können dies besonders deutlich vermitteln.“

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