Die Welt ist nicht perfekt

70 Prozent im Büro, 30 Prozent outside – für Helge Reymann ist es der Traumjob! Fotos: Matthias Piekacz

Aus treffpunkt campus Nr. 101, 01/2019

Keine Chance verpassen – das ist das Credo von Wasserwirtschaft-Absolvent Helge Reymann. Geboren und aufgewachsen in Magdeburg wollte er auch sein Studium in der Landeshauptstadt absolvieren – am liebsten Technik verbunden mit Umweltwissenschaften. Im Studiengang Wasserwirtschaft fand der 34-Jährige das Gesamtpaket und verantwortet inzwischen Sachsen-Anhalts Deichbaumaßnahmen. Von Traumjobs, Naturgewalten und einem klaren Ziel vor Augen.

Interview: Olga Kruse

Mit Ihrem Mechatronik-Studium an der Otto-von-Guericke-Universität haben Sie zunächst einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Wie sind Sie letztlich doch noch zur Wasserwirtschaft gekommen?
Ich bin zuerst dem großen Jungentraum nachgegangen und habe 2005 angefangen, Mechatronik zu studieren, um später einmal Testfahrer zu werden. Leider hat es an der relativ komplexen Mikroprozessorprogrammierung gehapert. So habe ich mich nach meinem jetzigen Traumjob umgesehen: Umweltingenieur im öffentlichen Dienst. Ich bin sehr gern in der Natur und wollte mich praxisnah mit der Umwelt beschäftigen. Der Studiengang Wasserwirtschaft war also ideal.

Warum hat es Ihnen gerade dieses Studium angetan?
Vor allem das Interdisziplinäre hat mich gereizt, und dass man am Ende kein Spezialist wird, sondern ein Ingenieur in einem generalistischen Studienfach. Es geht darum, technisches Grundwissen zu erlangen und insbesondere die Methodik zu erlernen, sich selbst Kenntnisse zu erarbeiten. Auch im Berufsleben hört das Lernen nie auf. Mit dieser Kombination werden einem Tür und Tor geöffnet.

Welche waren das denn konkret für Sie im Studium?
Während des Bachelors war ich als studentische und im Master als wissenschaftliche Hilfskraft im wasserbaulichen Versuchswesen tätig. Dort konnte ich hervorragend die theoretische Arbeit mit der Praxis verknüpfen. So war ich zum Beispiel an Modellversuchen für den Wehrumbau beteiligt. Wir hatten ein Modell der Wehranlage Quakenbrück in einem Maßstab von 1:30 und konnten diese wasserbaulich gestalten. Wir haben also etwas konstruiert, das wirklich realisiert wurde. Das war ein Highlight.

Klingt, als lief alles nach Plan?
Na ja, der Master hat sich dann doch etwas hingezogen. Meine jetzige Ehefrau wurde schwanger und da ich kein Mensch bin, der sich darauf verlässt, von „Luft und Liebe“ zu leben, habe ich parallel in einem Ingenieurbüro in der freien Wirtschaft in Halle gearbeitet. Das war eine enorm anstrengende Phase.

Sie haben es aber dennoch gemeistert?
Es war gut, dass wir räumlich getrennt waren. Ein junges Kind, eine Frau, die Arbeit und dann muss man(n) nebenbei noch die Masterarbeit schreiben. Dazu braucht man einen 48-Stunden-Tag. Meine bestandene Verteidigung haben wir bei einem Abendessen gefeiert, nach dem ich meine Frau gefragt habe, ob sie mich heiraten will. Das war für mich eine sehr erfolgreiche Woche (lacht).

Welchen Einfluss hatte das Hochwasser 2013 auf Ihr Leben und Ihre Arbeit?
Einen erheblichen! Ich war stellvertretender Geschäftsführer eines Ingenieurbüros in Leipzig und meine Familie immer noch in Magdeburg. Die A14 war damals schon ein totales Chaos. Nach dem Hochwasser habe ich drei Monate lang täglich fast 14 Stunden gearbeitet. Ein Freund brachte mich dann auf die Idee, beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) in Magdeburg nach freien Stellen zu schauen. Und tatsächlich wurde ich fündig. Der zweite Traumjob vom Umweltingenieur im öffentlichen Dienst wurde Realität! Hinzu kam, dass ich meine Frau und mein Kind seither jeden Tag sehen darf.

Womit beschäftigen Sie sich beim LHW?
Ich verantworte die Investitionsmaßnahmen des Landes Sachsen-Anhalt im Bereich des Hochwasserschutzes und des Gewässerausbaus und kümmere mich hauptsächlich um die Sanierung von bestehenden Hochwasserschutzanlagen sowie deren Neubau im Bereich von Deichlücken. Als Projektverantwortlicher schreibe ich die Aufgabenstellungen, ermittle den Bedarf an Dienstleistungen und kümmere mich darum, dass diese den Gesetzen entsprechend ausgeschrieben und erbracht werden. Hinzu kommt die Budgetierung. Die Handhabung von Gesetzen und Verordnungen ist hier wirklich das A und O und das ist ein riesiges Feld.

Können Sie auch hier generalistisch tätig sein?
Ich habe wirklich mit allem zu tun, sei es beispielsweise der Hochbau, Leitungen, die den Deich kreuzen oder das gigantische Thema Naturschutz. Man beginnt irgendwann, Wissen anzuhäufen. Eine einzelne Person kann dies gar nicht bewältigen, weshalb wir mit mehreren Fachleuten zusammenarbeiten. Ich bin derjenige, der alles im Blick behält. Das bedeutet eine Menge Spaß, aber auch enorm viel Arbeit und vor allem Verantwortung.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Projekt?
Schönebeck-Grünewalde war die erste große Maßnahme, bei der ich 2015 die Bauleistung für den Deich abgenommen habe. Er ist nun DIN-gerecht saniert. Die Baukosten und alles Drum und Dran betrugen ca. dreieinhalb Millionen Euro. Kleingärten mussten dafür geräumt sowie Erd- und Straßenbauarbeiten durchgeführt werden. Da merkt man, wie viel Arbeit in so einem „trivialen Deichbau“ wirklich steckt.

Was ist das für ein Gefühl, auf diesem Deich zu stehen und auf sein Werk zu blicken?
Das ist mordsmäßig geil! Was für Bauingenieure der Wolkenkratzer in Abu Dhabi ist, ist für mich dieser Deich, bei dem ich nicht aufhören kann, zu lächeln. Gut, der Wolkenkratzer ist vielleicht etwas teurer gewesen, aber von der Bauwerksausdehnung vergleichbar. Natürlich habe ich diese Leistung nicht allein vollbracht, aber ich bin derjenige, der das alles gesteuert hat. Und das ist cool!

Die hohe Verantwortung bei derartigen Projekten bereitet Ihnen nie Bauchschmerzen?
Nein, ich habe hier meine Berufung gefunden. Unser Arbeitsleitspruch ist, stets nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und so gehe ich jeden Tag nach Hause, ohne mir etwas vorzuwerfen. Nichts ist perfekt – auch nicht der Deich, der am Ende gebaut wird. Wenn wir von Perfektion reden, dann bedeutet es, dass dort auch das letzte Sandkorn perfekt liegen müsste und das ist unerreichbar. Ein Credo von mir ist, dass es nichts Perfektes auf der Welt gibt und gerade das macht die Welt perfekt.

Hin und wieder fallen private und Nutzflächen Baustellen zum Opfer. Wie gehen Sie damit um?Sachsen-Anhalt ist ein agrarstrukturell geprägtes Land. Da wir viel aus diesem Wirtschaftszweig beziehen, muss ich darauf auch sehr viel Rücksicht nehmen. Das ist eine große Herausforderung, denn Maßnahmen sollten so entwickelt werden, dass Landwirte möglichst nicht zu Schaden kommen. Das fängt schon damit an, Baustraßen zu wässern, damit der Staub nicht auf die Pflanzen fliegt und diese somit am Wachstum gehindert werden.

Welchen Tipp können Sie denjenigen geben, die sich für den gleichen Berufsweg interessieren?
Nie aufgeben! Ich würde lieber in der Freizeit auf ein paar Sachen verzichten und dafür meinen Traum verwirklichen. Selbst unliebsamen Kompromissen kann man etwas abgewinnen, denn sie bringen einen immer irgendwie voran. Das Allerschlimmste sind verpasste Chancen.

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