Die Karikatur als Lebenselixier

Karikatur: Phil Hubbe

Aus treffpunkt campus Nr. 82, 01/2015

Die brutale Ermordung fast einer gesamten Redaktionskonferenz und der mörderische Angriff auf einen jüdischen Supermarkt sind nicht nur ein Anschlag auf Presse- und Glaubensfreiheit. Die Attentate zielen faktisch auf eine generelle Beseitigung von Meinungsfreiheit und demokratisch verfasstes Zusammenleben. Denn die Redaktion steht stellvertretend für einen freien Journalismus, der wiederum verfassungsrechtlich als Grundpfeiler der Demokratie verankert ist und für den auch wir an der Hochschule ausbilden und Lehrfreiheit in Anspruch nehmen.

Text: Prof. Dr. Renatus Schenkel

Die Redakteurinnen und Redakteure der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo” waren wie andere zuvor ins Schussfeld ihrer Mörder geraten, gerade weil sie sich journalistisch betätigt haben. Mit ihren Karikaturen haben sie sich satirisch-kritisch nicht nur, aber auch mit religiösen Vorstellungen auseinandergesetzt und damit eine der Kernaufgaben des journalistischen Berufs ernstgenommen. Als meinungsorientierte bildbezogene Darstellungsform sind Karikatur und Bildmontage wie alle anderen journalistischen Formen unverzichtbarer Grundbestandteil der gesellschaftlichen Meinungs- und Entscheidungsbildung. Ihre Spezialität ist ja gerade Überspitzung, Satire und Humor. Damit werden Sachverhalte und Zusammenhänge sofort sichtbar und handhabbar für den Meinungsstreit und anschließende Willens- und Entscheidungsbildung. In dieser Funktion ist sie eines der Lebenselexiere der Meinungsfreiheit. Das umfasst auch die Freiheit, sich „Charlie Hebdo” nicht zu kaufen und nicht anzusehen.

Warum aber wirken gerade Karikaturen oft „anstößig” und „gefährlich” und werden gern zensiert, geraten eher ins Fadenkreuz als kritische Texte? Das liegt einfach in ihrer Wesensart: Grafische und fotografische Bilder wirken unmittelbar, direkt, über den Gesichtssinn, die visuelle Wahrnehmung. Sie können auch ohne Sprach-, Schrift- und Lesekompetenz verstanden werden. Das macht sie potenziell „subversiv”, aber gerade dadurch besonders „treffend”.

Auch die freie Ausübung religiöser und anderer weltanschaulicher Glaubensvorstellungen sind verfassungsrechtlich geschützt. Diesen Schutz verdanken wir übrigens bürgerlich-revolutionären Bewegungen wie dem amerikanischen Unabhängigkeitskampf und der französischen Revolution. Sie haben Schluss gemacht mit der Praxis von Kaisern, Fürsten und Potentaten, ihre Bevölkerung mit blutiger Gewalt zu dem Glauben zu zwingen, den sie gerade für opportun hielten. Die Trennung von Staat und Kirche als institutionalisierte Religion, der laizistische Staat, ist ein wesentliches Kennzeichen von Demokratie, von „Volksherrschaft”. Religionsfreiheit ist seitdem das verbriefte Recht jedes Individuums, individuell zu glauben, was es will und diesen Glauben auszuüben – oder auch nicht. Denn zur Religionsfreiheit gehört auch die Möglichkeit zur Freiheit von Religion, zum Atheismus. Glaubensfragen sind jetzt Privatangelegenheit, der Staat darf sich nicht mehr einmischen. Das heißt aber auch umgekehrt: Keine weltanschauliche Gruppierung darf mehr ihre Weltsicht der Allgemeinheit aufzwingen und sie als ausschließliche setzen. Das wäre wieder der Glaubensstaat, gegen den als „Gottesstaat“ in anderem Zusammenhang ja gern polemisiert wird.

Beim Streit um Karikaturen geht es aber gar nicht primär um Religion, sondern um Weltpolitik. Sich islamisch verstehende Länder sehen sich seit Langem desavouriert und getäuscht durch zweifelhafte und auch in Europa umstrittene Begründungen der damals gegen den Irak intervenierenden Staaten in den Golf-Kriegen. Diese Begründungen hatten auch explizit christlich-fundamentalistische Anteile („Achse des Bösen”) und stützten sich teils auf verzerrende und gefälschte Dokumente wie beim inzwischen legendären Auftritt des damaligen US-Außenministers vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003. Für selbsternannte extremistische „Glaubenskämpfer” war das wiederum Vorwand, mit Selbstmord-Attentaten massenhaft unschuldige Menschen, darunter auch viele Muslime, zu ermorden. Konkret hierauf bezog sich ja 2005 die Mohammed-Karikatur des dänischen Karikaturisten Westergaard.

Abbildungsvermeidung, Einschränkung von Meinungs-, Informations- und Demonstrationsfreiheit und Abbau von Datenschutz sind keine adäquaten Antworten auf solche Attentate; denn wenn das weiter Schule macht, hätten die Eiferer im Mördergewand ihr Ziel erreicht.

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