Nicht nur ein paar Nazis

Karikatur: Phil Hubbe

Aus treffpunkt campus Nr. 84, 03/2015

Die „Spaziergänge” von Pegida, Magida – und wie sich die selbsternannten Bewahrer des Abendlandes alle nennen – werfen viele Fragen nach den Hintergründen auf. Gleichzeitig wird seit Monaten vielerorts in Ost und West gegen die Unterbringung von Flüchtlingen demonstriert, meist angestoßen von organisierten Neonazis, die sich als Vollstrecker von „Volkes Willen” aufführen, weil sich hinter ihren Fahnen mehr als ein paar Eingeschworene versammeln. Höchste Zeit, sich mit dem Eisberg zu befassen, der unter der offen rechtsradikalen Spitze schwimmt und diese trägt: Bis tief in die Mitte der Gesellschaft sind rassistische und menschenfeindliche Einstellungen verbreitet, Gefahr droht dem friedlichen Zusammenleben nicht nur vom Rand.

Text von Prof. Dr. Josefine Heusinger

Menschenfeindlichkeit umfasst dabei mehr als den Rassismus, der sich gegen „fremd” aussehende Menschen richtet. Zum einen beschränkt sich die Ablehnung nur selten auf eine Gruppe: Wer gegen „Fremde” ist, hat meist auch Ressentiments gegen Juden oder Homosexuelle, Wohnungslose oder Langzeitarbeitslose. Zum anderen sind Vorstellungen von Ungleichwertigkeit zentral (Groß et al. 2012): Zum Beispiel, weil ich weiß und deutsch bin, gehöre ich zu den Besseren. Welche Gruppen jeweils besonders im Fokus der Abwertung stehen, schwankt dabei nicht zuletzt mit tagespolitischen Ereignissen und medialen Darstellungen. Gemeinsam ist allen ein oft unterschätztes Mobilisierungspotenzial, das sich bundesweit in den vergangenen Monaten gezeigt hat.

Aber wie lassen sich menschenfeindliche Einstellungen erklären? Jedenfalls passt ihre Konjunktur in eine Zeit, in der das wirtschaftliche Denken nicht mehr nur Investitionsentscheidungen prägt, sondern ökonomische Wertmaßstäbe zunehmend auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragen werden: Wertvoll ist, wer „nützlich” ist, für „Verlierer” ist kein Platz (mehr) und nur wer zu den Wertvollen gehört, hat eine Chance auf ein gute Zukunft. Dabei wissen eigentlich alle, wie schnell das Leben aus den Fugen geraten kann: ein Unfall, eine schwere Krankheit, eine zerbrechende Familie oder Erwerbslosigkeit, von Wirtschaftskrisen oder Kriegen ganz zu schweigen. In so einer Situation hilft nur Solidarität. Am besten nicht nur die in vielen Teilen der Welt übliche Solidarität der Familie, sondern die einer ganzen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne ein garantiertes Recht auf Hilfe bei Schicksalsschlägen und auf ein menschenwürdiges Leben ohne Ansehen der Person hat. Dies sind wesentliche Errungenschaften, die insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Reduzierung der Menschen auf ihr ökonomisches Potenzial durchgesetzt wurden. Mit den Krisen der letzten Jahre wurden aber empfindliche Einschnitte in das soziale Sicherungssystem begründet, soziale Rechte zunehmend durch Kleiderkammern und Suppenküchen ersetzt. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter und weiter, immer mehr Menschen erleben oder fürchten den eigenen Abstieg und fühlen sich dem, was da kommen mag, ausgeliefert. Mancher glaubt da, es würde helfen, als vermeintlicher Herr im Haus andere zu beschimpfen oder zu verjagen – als würde sich dadurch an der eigenen Situation etwas ändern. Sehr viel anders argumentiert manch gewählter Politiker allerdings auch nicht, wenn er Stimmung macht mit Sprüchen wie „Wir sind nicht das Sozialamt vom Balkan” oder vom „organisierten Missbrauch des Asylrechts” spricht (Christian Bernreiter bzw. Marcel Huber, beide CSU, Süddeutsche Zeitung v. 10.2.2015). Und die laufenden Verschärfungen im Aufenthaltsrecht der Bundesrepublik und die abgeschotteten Grenzen Europas zeigen einmal mehr, dass die Aufteilung von Menschen in solche, die dazugehören, und „Fremde” nicht nur von Rechtsradikalen vollzogen wird.

Glücklicherweise werden bei Weitem nicht alle Menschen mit Abstiegsängsten und Wut über die eigene Ohnmacht zu Islamfeinden oder Rassisten. Denjenigen mit menschenfeindlichen Auffassungen stehen viele andere gegenüber, die sich bei aller Verunsicherung nicht davon abbringen lassen, dass eine solidarische Gesellschaft eine glücklichere ist, für die es sich einzutreten lohnt. Dazu gehört, rassistischen Äußerungen konsequent entgegen zu treten und Solidarität mit Ausgegrenzten zu zeigen. Noch mehr Mut und Konsequenz kann es erfordern, die eigenen Vorurteile und Wertmaßstäbe zu überdenken oder gar die von Vorgesetzten oder Professoren in Frage zu stellen. Das ist auch in der akademischen Welt keineswegs so selbstverständlich wie es scheint – und deshalb umso nötiger.

Groß, E.M., Zick, A., & Krause, D. 2012: Von der Ungleichwertigkeit zur Ungleichheit: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Aus Politik und Zeitgeschichte 62(16- 17), 11–18.

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