Mehr Dialog, bitte!

Schon während ihres Studiums engagierte sich Vesile Özcan für den Dialog über Kultur und Medien. Mit Kommilitoninnen gründete sie die Veranstaltungsreihe „Kulturrauschen“, bei der sich Gäste und Publikum über aktuelle Entwicklungen austauschten. Als Auftakt zeigten sie im Moritzhof die Fotoausstellung „Zwischenkultur“ von Mirza Odabaşı und diskutierten über die kulturelle Zerrissenheit von Menschen mit Migrationshintergrund. Fotos: Matthias Piekacz

Aus treffpunkt campus Nr. 102, 02/2019

Immer wieder haben Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Deutsche mit ausländischen Wurzeln mit Vorurteilen zu kämpfen – weil sie anders aussehen, anders sprechen, eine andere Kultur leben. Mit „Interface“ schafft die 26-jährige Deutsch-Türkin und Journalistik-Absolventin Vesile Özcan eine Plattform für ebenjene, die etwas über sich und ihre Herkunft zu erzählen haben.

Interview: Sarah Krause

Nachdem Du 2016 die Leitung des TV-Projekts „oneworld“ übernommen hast, vermittelst Du nun auch bei „Interface“ einem interkulturellen Team journalistische Fähigkeiten. Was bedeuten Dir die beiden Formate, die im Offenen Kanal Magdeburg zu Hause sind?

Beide Projekte verbinden Menschen unterschiedlicher Herkunft, die Lust haben, Fernsehen zu machen, und stärken so den interkulturellen Austausch. Medien sind dafür sehr gut geeignet, weil sie Brücken bauen, Kompetenzen stärken und Menschen miteinander bekannt machen. „oneworld“ ist zu einer Zeit entstanden, in der viele Menschen anderer Länder nach Deutschland gekommen sind und ihre persönlichen Geschichten mitbrachten. Darüber konnten sie sich im Projekt austauschen – der Name „oneworld“ passte also wie die Faust aufs Auge. „Interface“ hingegen bedeutet Schnittstelle und ist sozusagen das Folgeprojekt. Wir stellen eine Verbindung zwischen Menschen unterschiedlichster Kulturen her: zwischen denjenigen, die etwas erzählen wollen und denjenigen, die interessiert daran sind.

Worum geht es in Eurer Sendung?

Wir beschäftigen uns mit allen möglichen Themen, die einen interkulturellen Bezug haben. Die Teilnehmenden entscheiden selbst, was sie interessant finden und in den Fokus stellen möchten. Das können Portraits über Kunstschaffende, Reportagen über Gesellschaftspolitik, Kurzfilme zur Aufdeckung von Vorurteilen, Studiosendungen über kulturelle Gemeinsamkeiten, aber auch persönliche Geschichten sein.

Du legst sehr viel Leidenschaft an den Tag. Wolltest Du schon immer in diesem Bereich tätig sein?

Um ehrlich zu sein, war ich nach dem Abitur zunächst einmal ziemlich planlos, da mich diverse Studiengänge interessierten. Ich bewarb mich für Politik- und Sozialwissenschaften, aber auch für ein Lehramtsstudium und für Journalistik/Medienmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Erst nach meiner Zusage setzte ich mich näher mit Journalismus auseinander und bemerkte schon bald, dass ich mich in einer sehr spannenden und abwechslungsreichen Branche befand. Während des Studiums konnte ich mich dann in verschiedenen Formaten ausprobieren und entwickelte viel Freude an der Medienproduktion, vor allem aufgrund der Zusammenarbeit mit vielen, sehr unterschiedlichen Menschen, aber auch weil man kreativ, aktiv und interessiert sein muss.

Haben Dir TV-Produktionen von Anfang an gelegen?

Ich muss gestehen, dass ich oft Nervenkitzel vor der Kamera hatte – das forderte mich heraus und genau deshalb habe ich mich fürs Fernsehmachen entschieden. Im Studium habe ich die Lehrredaktion „39 Grad“ belegt, in der wir viel über Fernsehproduktionen lernten. Die ersten Beiträge waren katastrophal, echt schlecht, aber ich fand den Prozess des Fernsehmachens spannend und blieb dran. Medien sind ein hilfreiches Kommunikationsmittel und während der Umsetzung entwickelt man sich immer weiter. Man entscheidet sich für ein Thema und fängt an, zu recherchieren. Danach geht man raus, führt Interviews durch und schaut, ob die Ideen, die man hatte, ergiebig waren. Dann folgt die Moderation im Studio – live oder aufgezeichnet – und zum Schluss wertet man rückblickend alles noch einmal aus. Diese Vielfältigkeit gefällt mir noch heute und ich wachse täglich an meinen Aufgaben. Ich denke, deshalb habe ich mich für die Arbeit im Offenen Kanal Magdeburg entschieden, weil ich so selbst Themen entdecken, aber auch anderen dabei helfen kann.

Welche Formate setzt Du am liebsten um?

Reportagen. Im Allgemeinen arbeite ich sehr gern dokumentarisch, weil ich mich intensiver mit einem Thema auseinandersetzen und neue Sachen aufdecken kann.

Was motiviert Dich, in dem was Du tust, am meisten?

Die Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Gemeinsam können wir unterschiedliche Perspektiven betrachten und diskutieren. Mit „Interface“ entsteht für sie eine gemeinsame Plattform, auf der sie sich mitteilen können. Das mitzuerleben, ist großartig!

Obwohl Du in Augsburg geboren bist, hast Du aufgrund Deiner türkischen Wurzeln häufig mit Vorurteilen und Rassismus zu kämpfen. Wie gehst Du mit einer solchen Oberflächlichkeit um?

Ich glaube, jeder hat seine persönliche Art und Weise, um damit zurechtzukommen. Ich für meinen Teil kann so etwas nicht einfach ignorieren. Früher hat es mich weniger gestört, doch in der letzten Zeit merke ich, dass ich immer sensibler reagiere. Wenn es die Situation erlaubt, spreche ich die Personen direkt an und frage nach, was sie mit ihrer verletzenden Aussage meinen. Dabei kommen manchmal sehr interessante Gespräche zustande. Was mich am meisten stört, sind Antworten wie: „Ach nimm das doch nicht so ernst, war doch nur Spaß“. Rassismus und Diskriminierung sind für mich alles andere als Spaß.

Du bist begeisterte Analogfotografin. Mit welchen Apparaten arbeitest Du und welche Bildmotive kommen Dir vor die Linse?

Meine absolute Lieblingskamera ist die Exa1b. Ein wirklich toller Apparat, mit dem ich am liebsten Landschafts- bzw. Naturbilder schieße. Entdeckt habe ich meine Leidenschaft für die Analogfotografie während des Studiums durch Prof. Uwe Mann.

Wo kann man denn in Magdeburg besonders gut Landschaften fotografieren?

Ich bin ab und zu im Rotehornpark oder im Herrenkrug unterwegs. Manchmal gehe ich auch einfach instinktiv los: Ich packe meine Kamera, gehe spazieren, lass die Umgebung auf mich wirken und fotografiere das, was ich erlebe.

Was ist die Mainmessage, die Du an die Gesellschaft richten möchtest?

Ich möchte zeigen, dass es nicht nur einen Blickwinkel gibt. Wir können nicht immer einfach alles pauschalisieren. Es gibt viele verschiedene Facetten und die müssen wir wahrnehmen. Das geht aber auch nur dann, wenn wir den Menschen die Chance dazu geben, sich selbst erklären zu können.

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Aktuelle Ausgabe: Nr. 102, 02/2019

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