Fahrkarte zu mehr Feingefühl

Neben seinem Master-Studium verdiente sich Mark Weber hinter dem Steuer der MVB-Linien etwas dazu. „Am entspanntesten ist es abends und am Wochenende, wenn es niemand eilig hat“, lacht er. Ab und an fährt er seine Kommilitoninnen und Kommilitonen auch schon mal zur Baracke. Fotos: Matthias Piekacz

Aus treffpunkt campus Nr. 102, 02/2019

Des Deutschen liebster Volkssport ist nicht – wie man vielleicht vermuten könnte – der allseits beliebte Fußball, sondern – davon überzeuge ich mich Tag für Tag – sein ewig währendes, allumfassendes Gemecker. Vor allem über die Magdeburger Verkehrsbetriebe lässt man sich hierzulande gern mal aus: „Kommt doch eh immer zu spät!“ Mark Weber nimmt’s leicht. Fürs Bummeln (und Meckern) bleibt ihm sowieso keine Zeit. Ein Student auf neuen Wegen.

Text: Katharina Remiorz

„Ohne uns kommst du heut’ Nacht nicht heim.
Ohne uns und ohne Führerschein.
Ohne uns kommst du heut’ nicht zur Ruh’.
Das, was wir woll’n, bist du.“

Ohne uns, Berliner Verkehrsbetriebe

Geht’s hier nach Westerhüsen?

Ich gebe zu, ganz so viral wie die Kampagne der Berliner Verkehrsbetriebe gingen die „Alltagshelden“, mit denen die MVB für ihre Busse und Bahnen wirbt, (noch) nicht. Die Parodie des „Münchner Freiheit“-Songs „Ohne dich“, der mich schon in jungen Jahren verfolgte, will mir dennoch in Magdeburgs Straßenbahnen nicht aus dem Kopf gehen – die Lyrics passen einfach zu gut, wie sich noch herausstellen wird.

Mark Weber weiß genau, wovon ich spreche. Der frischgebackene Master-Absolvent für Water Engineering verbrachte während seines Studiums nicht nur spannende Auslandsaufenthalte in Kuba und Spanien, sondern auch einige Zeit hinter dem Steuer der Magdeburger Straßenbahnen. 2016 machte er den Führerschein zum „Bimmelkutscher“. Die Ausschreibung hierfür entdeckte er – wo sonst – an einer Straßenbahnhaltestelle: „Die MVB suchte damals explizit nach Studierenden“, erinnert sich der 33-Jährige. „Ich hatte vorher schon einige Nebenjobs, unter anderem im Baumarkt, in der Produktion sowie als studentischer Mitarbeiter an der Hochschule und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, alle entweder schlecht bezahlt oder befristet.“ Das sah bei der MVB schon etwas anders aus.

Donnerstag, 14 Uhr. Mark und ich beschließen, zusammen eine Runde mit der Straßenbahnlinie 8 zu drehen – seine letzte Fahrt bei der MVB, wie er mir verrät. Ab Mai zieht es den gebürtigen Baden-Württemberger ins Ingenieurbüro WALD + CORBE, bei dem er sich auf den Bereich der Siedlungswasserwirtschaft spezialisieren wird. Wir starten an der Endhaltestelle Neustädter See. Eine ältere Dame mit roter Brille, grau meliertem Haar und mürrischem Blick betritt die Bahn. „Geht’s hier nach Westerhüsen?“, fragt sie. Mark antwortet aufgeschlossen: „Ja, genau.“ Wenig später surrt der Fahrkartenautomat, Münzen klingen auf, mit einem kurzen Rattern erscheint ein Ticket im Automatenschlitz. Die Dame nimmt zwei Reihen hinter mir Platz. Weitere Reihen füllen sich. Mark setzt die Bahn in Bewegung und erklärt mir die hohe Kunst des innerstädtischen Schienenverkehrs: Wofür stehen die Nummern und Buchstaben an der Oberleitung, welche Funktion haben die einzelnen Tasten auf seinem Pult und welche „Problemzonen“ lauern nahezu an jeder Ecke.

Trödel nicht so!

Ganz vorn mit dabei: die Magdeburger selbst. Nach gut 19 Minuten erreichen wir mit gerade einmal 30 Sekunden Verzögerung die Haltestelle am Alten Markt. Es piept. Die Türen öffnen sich. Eine Frau geht nach links, ein Mann nach rechts, eine Gruppe Schülerinnen hält schwatzend Ausschau nach einer gemeinsamen Sitzmöglichkeit. Abermals ertönt ein grelles „Piep“ und Mark macht sich bereit zur Abfahrt.

Doch zu spät. Drei Passanten sind schon vor ihm auf der Straße. Sie zögern, gehen – nicht – vielleicht doch ... Mark bleibt erstaunlich ruhig. Schon ist seine Ampelphase wieder verstrichen. Jetzt heißt es warten, auch für die Linie 10, die uns im Nacken sitzt, und für die Fahrgäste, die an den kommenden Haltestellen vermutlich schon nervös auf ihre Uhren tippen. „Der Zeitplan ist wirklich eng getaktet. Wenn man nicht seine geplante Ampelphase erwischt, stauen sich auch alle nachfolgenden Bahnen“, erklärt er bestimmt, aber ruhig.

Auf die Frage, ob er die MVB, über deren Pünktlichkeit ironischerweise auch Studierende gern mal schimpfen, inzwischen aus einer anderen Perspektive betrachtet, muss Mark schmunzeln. „Während meines Studiums war ich ein halbes Jahr lang in Kuba, wo der öffentliche Nahverkehr ganz anders geregelt ist“, erinnert er sich. „Da fuhr der Bus los, wenn er voll war und das hat auch funktioniert. Hier sind wir alle ein wenig pünktlicher, aber manchmal, zum Beispiel wenn ich einem Rollstuhlfahrer in die Bahn helfen muss, dauert es einfach länger. Mittlerweile sehe ich das daher alles ein wenig entspannter.“ In der Zwischenzeit springt die Anzeige in der Fahrerkabine auf zweieinhalb Minuten Verspätung.

Auf die Eisen gehen

Zwischen Altem Markt und City Carré beginnt es langsam, zu regnen. Mark fokussiert sich merklich. „Das Fahren ist nicht die Kunst, sondern das Bremsen“, sagt er und demonstriert mir, was genau er damit meint. Schon die wenigen Tropfen Regen, die kaum auf der Frontscheibe zu zählen sind, tauchen die Gleise scheinbar in Seife. Mark streut zur Sicherheit zusätzlich Sand vor die Räder der Bahn. „Wenn jetzt plötzlich jemand vor mir abbiegt, habe ich keine Chance mehr – bei solch feuchten Bedingungen rutscht man einfach durch“, erzählt er und ergänzt: „Die Schienenverhältnisse muss man daher immer im Blick haben. Die Leute achten da einfach nicht drauf, wenn sie die Gleise überqueren.“

Bisher sei Mark von „schlimmeren Vorfällen verschont geblieben“, gab er während unseres ersten Treffens im Café halb gelassen, halb erleichtert zu. Das Schlimmste, das ihm zu dieser Zeit geschehen sei, war, „dass mir mitten auf dem Alten Markt, während ich die Weiche gestellt habe, die Tür zugefallen ist. Aber mit einem Lächeln war es halb so wild. Die Leute in der Bahn waren gut drauf, keiner hat gemeckert und ich konnte in Ruhe einen Kollegen um Hilfe bitten“, lachte er noch vor wenigen Wochen. Einen Tag vor seiner letzten Fahrt krachte es dann aber doch: „Beim Abbiegen auf den Neustädter Platz übersah ein Autofahrer das Rotsignal. Ich fuhr schätzungsweise 40 Kilometer die Stunde und kam somit nicht mehr rechtzeitig zum Stehen“, berichtet er. „Dem Fahrer ist Gott sei Dank nichts passiert.“ Um für solche und andere Unfallschwerpunkte zu sensibilisieren, finden alle sechs Monate Schulungen statt. „Ich bin mir sicher, dass wir am Tag mindestens einen Unfall verhindern, weil wir für andere mitdenken und defensiv fahren – obwohl der Zeitplan so eng getaktet ist.“

Hilferufe von der Rückbank

Die Gleise machen einen leichten Knick. Wir biegen in die Schönebecker Straße ein. Es fällt auf: Zum Führen einer Straßenbahn gehört weit mehr, als Gas geben, bremsen und Schilder lesen. Mit seinem Plätzchen in der Kabine sitzt Mark Weber mitten im Leben. So kurz und profan die Fahrt der einzelnen Gäste auch sein mag: Während unseres knapp zweistündigen Ausflugs ans andere Ende der Stadt und zurück spielen sich Hunderte Episoden, man kann sagen kleine Lebensgeschichten, ab – sei es die singende Schulklasse oder das frisch verliebte Paar, das knutschend in der letzten Reihe nicht von sich ablassen kann.

An der Haltestelle in Höhe des Buckauer Turmparkgeländes wirft Mark einen prüfenden Blick in einen seiner beiden Seitenspiegel. Schlagartig fällt ihm die Farbe aus dem Gesicht. Drei Plätze hinter mir gellt zeitgleich ein Schrei auf. Mark stellt die Bahn auf Halt und spurtet aus seiner Kabine nach hinten in den mittleren Teil des Waggons. Eine Frau eilt ebenfalls zu Hilfe. Eine junge Mutter hatte ihren Kinderwagen beim Ausstieg kopfüber aus der Bahn rangiert, der wiederum umstürzte und nun auf der Straße am Boden liegt. „Alles in okay?“, fragt Mark besorgt, während die Frau ihr Kind aus dem Wagen holt. Doch die Erleichterung lässt nicht lang auf sich warten: Kind und Mutter sind mit einem Schrecken davongekommen – Mark und die restlichen Fahrgäste ebenso. Die zwei Minuten zusätzliche Verspätung werden sie ihm sicher verzeihen.

Alle aussteigen bitte!

Wenn man es sich recht überlegt, scheint die Helden-Kampagne der MVB doch gar nicht so weit hergeholt, auch wenn sich Mark „selbst nicht ganz damit identifizieren“ kann. Wobei: Sympathisch, verständnisvoll, hilfsbereit und geduldig – er bringt schon einige Eigenschaften mit, die ihn als Held von nebenan prädestinieren würden. Es bleibt dabei: „Für manche ist es eine Berufung. Für mich ein sehr guter und meist entspannter Nebenverdienst“, grinst er.

Wieder am Neustädter See angekommen, ertönt eine männliche Stimme: „Die MVB sagt Tschüss!“ Wir steigen aus – mit sieben Minuten Verspätung. Ein guter Schnitt, finde ich, wenn man bedenkt, was wir in den letzten 120 Minuten miterleben (oder verhindern) konnten.

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