Elisabeth Stahr: Studienaufenthalt an der Polytechnischen Universität Tomsk (Russland)

Ich studiere am Fachbereich Kommunikation und Medien im Studiengang Fachdolmetschen für Behörden und Gerichte. Da in meinem Studium ein Auslandsjahr vorgesehen ist, verbrachte ich das Wintersemester 2012/2013 sowie das Sommersemester 2013 an der Polytechnischen Universität Tomsk.

Studium und Gasthochschule

Mein Studium an der Polytechnischen Universität Tomsk (TPU) war für mich eine wunderbare Möglichkeit, den eigenen Horizont nicht nur in fachlicher Hinsicht zu erweitern. Am Anfang des Studiums habe ich von vielen Seiten Unterstützung erhalten, vor allem weil es noch einige Verständigungsprobleme gab, aufgrund dessen, dass alle wichtigen Dokumente auf Russisch geschrieben waren und mein Russisch oft nicht ausreichend gut war.

Ich konnte mir zusätzlich zu den Fächern, die ich schon im Voraus in Deutschland gewählt hatte, Veranstaltungen mit russischen Studenten heraussuchen. Zwar musste ich mich dafür an jeden einzelnen Dozenten wenden und um Erlaubnis fragen, teilnehmen zu dürfen, aber niemand hat mich abgewiesen und jeder Dozent war sehr erfreut, einen deutschen Studenten im Unterricht zu haben.

Ich hatte viele theoretische linguistische Veranstaltungen mit Chinesinnen zusammen, mein Unterricht im Fach Russisch als Fremdsprache war mit Studenten aus Vietnam und aus der Mongolei und alle dolmetschpraktischen Veranstaltungen besuchte ich mit russischen Studenten, die Deutsch als erste Fremdsprache studieren.

Man muss sich dessen bewusst sein, dass die TPU eine technische Universität ist und deshalb für Linguisten kein breit gefächertes und tiefgreifendes Lehrangebot bieten kann. Aber ich bin trotzdem mit den Lehrveranstaltungen sehr zufrieden gewesen. Die Wahlmöglichkeiten auch von Kursen auf Englisch waren sehr vielfältig, aber auch nicht unzählig. Ich belegte in den zwei Semestern Kurse wie linguistische Länderkunde, Russische Geschichte, Psychologie, Stilistik, Phraseologie, Phonetik, Morphologie, Lexikologie, Psycholinguistik, Russisch als Fremdsprache, Sprache der Massenmedien, Konsekutiv- und Simultandolmetschen sowie Fachübersetzen.

Die technische Ausstattung der TPU ist vor allem für technische Studiengänge sehr gut.  Das Angebot an Fachliteratur für meinen Studiengang war leider nicht sehr groß und auch die Möglichkeiten zum Simultandolmetschen waren eher von geringer Qualität.

Es gibt auch genügend Sportangebote, man muss sich aber selbst darum kümmern. Wer aber wie ich gerne selbstständig Sport treibt, z.B. joggen geht, kann dies natürlich auch unabhängig von der Universität tun. Nur im Winter ist es nicht so einfach draußen Sport zu treiben. Aber es gibt genügend Fitnessstudios, die nicht sehr teuer sind und in denen man ebenso gute Ergebnisse erzielen kann.

Der Alltag

Die allgemeine Lebenssituation würde ich als mittelmäßig bezeichnen. Russland ist ein Land, in dem die Preise nicht allzu hoch sind, aber auch die Qualität nicht immer überragend ist. Man kann ganz gut leben. Zum Beispiel kostet ein Brötchen um die 10 Rubel, eine Fahrt mit der Marshrutka (dem Bustaxi in der Stadt) 15 Rubel, ein Eis kann man ab 30 Rubel erstehen, eine komplette Mahlzeit in der Mensa bekommt man für 80 Rubel.

Ich persönlich fand es ein bisschen schwer, sich richtig und gesund in Russland zu ernähren, weil das Essen in der Mensa immer dasselbe ist – man kann zwischen verschiedenen Beilagen (Reis, Spaghetti, Kartoffelpüree) und der Hauptspeise wählen (Fisch, Fleisch, eventuell etwas Überbackenes). Das war für mich auf die Dauer doch etwas eintönig. Zwar gibt es auch sehr leckere Blini-Stände an jeder Straßenecke, wo man für knapp 100 Rubel einen großen Pfannkuchen mit verschiedenen Füllungen erstehen kann und davon auch richtig satt wird, aber es war irgendwie nie richtig zufriedenstellend für mich.

Die hygienischen Verhältnisse bei uns im Wohnheim waren ausreichend gut. Aber man muss sich dessen bewusst sein, dass die meisten russischen Studenten unter anderen hygienischen Bedingungen leben müssen – mit Kakerlaken im Wohnheim, fünf Duschkabinen für ein 100-Mann-Wohnheim und Gemeinschaftsklos für die ganze Etage zu 30 Personen.

Freunde und Freizeit

In Tomsk kann man sehr schnell sehr viele Kontakte knüpfen – und das war für mich auch das Entscheidende. Die Menschen sind sehr offen und die Studenten des Buddy Building Clubs (BBC) helfen einem am Anfang, die ersten Russen kennenzulernen. Man sollte aber mit offenen Augen umher gehen, denn die Leute, mit denen man sich richtig gut anfreunden kann, sind die, die nicht so gut Englisch können und deshalb eher nicht im BBC zu finden sind. Man muss kontaktfreudig und offen sein, dann findet man in Tomsk unzählige Freunde.

Es gibt auch sehr viele Angebote, um sich in der Freizeit aktiv zu betätigen – sei es im Regionalzentrum für deutsche Sprache an der TPU, in einem der unzähligen kulturellen Clubs (ich war in einer deutsch-russischen Theatergruppe aktiv) oder auch das Russisch-Deutsche Haus bieten viele Möglichkeiten seine Freizeit effektiv zu verbringen und sich mit Russen zu unterhalten.

 Fazit und Tipps für nachfolgende Studenten

Das Studium an der TPU hat nicht nur meinen Freundeskreis erweitert, sondern ich habe auch sehr viel für mein weiteres Leben gelernt. Natürlich ist Russisch für mich nun zu einer meiner Hauptsprachen geworden und ich denke, dass diese zwei Semester dafür den Ausschlag gegeben haben.

Ich kann die TPU nur weiterempfehlen – vor allem Studenten technischer Fachrichtungen, aber auch unseren Studenten der Fachkommunikation und des Fachdolmetschens.

Das Einzige, was ich verbessern würde, ist die Tatsache, dass seit einigen Jahren kein Student aus Magdeburg nach Tomsk gefahren ist. Ich denke, man sollte mehr Werbung für Tomsk machen, denn die Stadt ist wirklich wunderschön, die Menschen sehr offen und die Atmosphäre einfach unbeschreiblich. Natürlich sind -40°C im Winter nichts Gewöhnliches, aber es ist eine Erfahrung, die einem für immer im Gedächtnis bleibt – weil man in Tomsk wirklich Menschen findet, die einem sehr ans Herz wachsen und mit denen man weiter in Kontakt bleiben kann.

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